Studie: Bergauf-Exterieur begünstigt Gang-Potenzial

08.12.16 von Swantje Renken

Als offizielles Zuchtziel für Islandpferde gelten Fünfgänger (zwecks Erhaltung aller Gangarten) mit einem sowohl funktionalen wie ästhetischen Exterieur. Zielsetzung einer neuen Studie anerkannter Islandpferde-Forscher ist eine Beurteilung der phänotyopischen und genetischen Beziehung zwischen standardisierten Gebäude-Maßen und -Merkmalen und den Wertnoten bzw. der Qualität von Reiteigenschaften.

Þorvaldur Kristjánsson, Sigríður Björnsdóttir, Elsa Albertsdóttir, Ágúst Sigurðsson, die Pariser Wissenschaftler Pourcelot und Crevier-Denoix, obendrein Þorvaldur Árnason wollten zudem ergründen, ob und in welchem Maße sog. morphometrische 3D-Messmethoden als innovative Ergänzung der in FIZO-Prüfungen erhobenen Daten einen zusätzlichen Erkenntnisgewinn über die Klassifizierung von „High-Class Horses“ und „Low-Class Horses“ zulassen würden.

Als größter Teil ihrer Auswertungs-Grundlage dienten ihnen sämtliche FIZO-Daten von auf Island geprüften Pferden aus den Jahren 2000-2013 und damit ein Pool von 10.091 Pferden (2.089 Hengste und 8.002 Stuten). 98 weitere Pferde wurden zufällig ausgewählt, um per 3D-Vermessung zusätzliche statistische Werte beizusteuern. Ein weiteres Merkmal, das Berücksichtigung fand, war die genotypische Ermittlung von DMRT3 und damit dem sog. „Pass-Gen“.

Die meisten Standard-Gebäudemaße hatten zwar eine allgemein hohe Heritabilität (Vererbbarkeit), gleichzeitig aber eine nur schwache bis moderate genetische Korrelation mit dem Wert der Reiteigenschaften. Die Proportionen in der Oberlinie eines Pferdes hingegen und damit die Maße zur Beschreibung der Widerristhöhe vorn (Stockmaß) im Vergleich zur Kruppenhöhe hinten erwiesen sich jedoch sehr wohl als enorm wichtig hinsichtlich der Reiteigenschaften. Dabei zeigte sich ein deutlicher Vorteil für Pferde mit einer „Uphill Conformation“, also einem „Bergauf-Gebäude“. Die Differenz zwischen der Widerrist- und der Kruppenhöhe beträgt im statistischen Optimum 6,1 cm und damit ca. das Zweifache vom Durchschnittswert. Die optimale Differenz zwischen Widerrist und Rückenhöhe (Messpunkt „Sattellage") beträgt übrigens 11,8 cm - einmal mehr wird dadurch die Bedeutung eines hohen Widerrists deutlich.

Sowohl die Heritabilitäts-Schätzung als auch der eindeutige genetische Zusammenhang mit der Gesamtnote für Reiteigenschaften machen diese Faktoren zu entscheidenden Indikatoren für die Möglichkeiten eines Pferdes hinsichtlich seiner „Performance“. Weitere Längen, Proportionen und Winkel von Knochen der Vor- und Hinterhand sind in ihrer Bedeutung für Gang-Potenzial und -Qualität ebenfalls nicht außer Acht zu lassen (Details dazu liefert die Studie).

Betrachtet man abermals die Proportionen der gesamten Oberlinie, so lässt sich feststellen, dass „High-Class Horses“ vorn deutlich höher gebaut sind als hinten. Ihnen fällt es obendrein deutlich leichter, die in den Leitgedanken für Materialprüfungen festgelegten Kriterien hinsichtlich Selbsthaltung, Versammlung, Leichtigkeit und Vorhandaktion zu erfüllen. Bekommt ein Pferd die Aktivität von Genick, Rücken und Lende in ein harmonisches Gleichgewicht, reduziert sich das von ihm zu tragende Gewicht auf der Vorhand und steigt die Lastaufnahme der Hinterhand - eine Voraussetzung nicht zuletzt für das gewünschte Zusammenwirken von Schub- und Tragkraft.

Läuft ein Pferd also tatsächlich „bergauf“ (uphill) und nicht mit vorfallender Rückenlinie „bergab“ (downhill), so gelinge ihm auch aus biomechanischer Sicht à la Heuschmann, wie die Forscher dokumentieren, eine deutlich bessere Kraftübertragung und damit eine erheblich ökonomischere Art von Bewegung und Energieaufwand. Auch das Zuchtziel solle dieser „Uphill“-Orientierung folglich umso intensiver Rechnung tragen.

Je höher ein im Sample dieser Studie enthaltenes Pferd am Widerrist gemessen war im Vergleich zu seiner Kruppe, desto höher war automatisch die Chance, als „High-Class Horse“ klassifiziert zu werden. Hinsichtlich der einzelnen Gänge gilt dieser Befund außerordentlich deutlich für Trab, Tölt und Galopp. Zusätzliches Unterscheidungsmerkmal zwischen Vier- und Fünfgängern: Länge und Form der Kruppe. Pferde mit 8,0 FIZO-Punkten oder mehr für Pass hatten eine gut geschwungene und längere Kruppe, verglichen mit denen, die 5,0 für Pass hatten und folglich als Viergänger gelten dürfen. „High-Class Horses“ der Bereiche Trab und Tölt hatten grundsätzlich deutlich kürzere Kruppen.

Allgemein darf außerdem gelten, so die Studie, dass ein eher „quadratisches Format“ Pferden hinsichtlich ihrer Gang-Möglichkeiten hilft als ein „rechteckiges“. Bei genauer Betrachtung der einzelnen Gangarten kommt Trab und Pass allerdings ein minimal längeres Körperformat idealerweise entgegen, was für den Tölt nicht gilt. In den vergangenen Jahrzehnten hat sich dieses Format beim Islandpferd grundsätzlich vom Rechteck eher in Richtung Quadrat entwickelt, was mit dem hohen Zuchtwert des dadurch begünstigten Tölt zusammenhängen dürfte. Bei diesem so wichtigen und beliebten Tölt sind zwei zentrale Schlüssel damit einmal mehr der hohe Widerrist und ein eher kompaktes / quadratisches Körperformat, was auch Profireiter mit großem Erfahrungsschatz vieler unterschiedlicher Pferde bestätigen.

Was sagt die Studie darüber hinaus zum Pass-Gen? Dessen Vorhandensein ist erforderlich, damit ein Pferd den Rennpass ausprägen kann, soviel steht fest. Dann wiederum tragen auch rund 45% all der Pferde, die nur viergängig vorgestellt werden, das „AA“ in sich. Umso interessanter wurde es dadurch für die Forscher, weiteren Unterschieden zwischen AA-Trägern mit in der FIZO gezeigtem Pass und AA-Trägern ohne reitbare bzw. gerittene solche Ausprägung auf die Schliche zu kommen. Und schon sind wir wieder bei der bereits erwähnten Kruppe: Pferde mit 8,0 oder mehr Punkten für Rennpass haben eine deutlich besser geschwungene und ebenso klar längere Kruppe als homozygote AA-Träger mit 5,0 für Pass.

Eine wahrlich faszinierende Studie, die neben ihren detaillierten Ergebnissen und der spannenden zugehörigen Methodologie nicht zuletzt für alle Züchter wichtige und wertvolle praktische Erkenntnisse mit sich bringt bzw. bestätigt. Das "Bergauf-Exterieur" sollte in der Zucht verstärkt werden, bergab soll's schließlich nicht gehen. Gerade weil eine erwiesenermaßen hohe Erblichkeit dieser Gebäudemerkmale besteht, sollten Züchter bei ihren Anpaarungen entsprechend vorausschauend denken und handeln - jederzeit unter verantwortungsvoller Rücksichtnahme auf das Wohl der Pferde, deren Anatomie sich natürlich nicht unbegrenzt für ein "Schneller-Höher-Weiter" eignet. Zur kompletten Studie auf der Website des Wissenschafts-Verlages Elsevier (Download als PDF für $ 36) gelangt Ihr nach diesem Klick

Quelle: Isibless/Henning Drath

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