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Reiten mit Handicap im Islandpferdesport – Corinne auf ihrem Weg zum Trainer C

13.07.20
von IPZV e.V.
Foto: privat

Ein Interview mit Corinne Bäumler geführt von Victoria Storck

Nachdem sie das sie das bronzene und silberne Reitabzeichen, Longierabzeichen I und II, den Sachkundenachweis und zuletzt die Trainereinführung erfolgreich gemeistert hat, hat Corinne in diesem Jahr noch viel vor: Sie möchte den Trainer C im August bei Dieter Becker auf dem Grenzlandhof absolvieren. Corinne hat alle Abzeichen in einer alternativen Prüfungsform abgelegt und wünscht sich, dass die Inklusion im Islandpferdesport an mehr Bedeutung gewinnt und damit auch die Ausbildung von Reitern mit Handicap zu einer Selbstverständlichkeit wird.

Corinne erlitt 2005 einen schweren Reitunfall während sie in Island mit Pferden arbeitete. Zu diesem Zeitpunkt war Corinne 24 Jahre alt, ritt seit ihrem 12 Lebensjahr auf Islandpferden und hatte den Traum nach Hólar zu gehen. Islandpferde und die Reiterei waren ein riesiger Bestandteil ihres Lebens und nicht mehr wegzudenken. Nach dem Unfall änderte sich für Corinne alles.

„Ich bin beim Training gestürzt und brach mir den ersten und sechsten Halswirbel, der sechste Wirbel drückte sich ins Rückenmark und ich war anfangs brustabwärts gelähmt. Zu Beginn konnte ich nicht mal meine Finger bewegen. Nach sechs Wochen im isländischen Krankenhaus wurde ich nach Deutschland geflogen und war noch für ein Jahr in zwei verschiedenen Querschnittzentren. Dort wurde ich dann entlassen als ich mit einem Bein einen Schritt machen konnte. Wieder zu Hause musste ich die Reha für eineinhalb Jahre fortführen, ehe ich auch mit dem rechten Bein einen Schritt machen konnte.

Zu meinem großen Glück gab es im Hamburger Querschnittzentrum die Möglichkeit der Hippotherapie, sodass ich ein halbes Jahr nach meinem Unfall wieder auf dem Pferd gesessen habe. Das war eine tolle Möglichkeit für die Patienten mal rauszukommen. Für mich war es natürlich ein riesiger Unterschied: Vor meinem Unfall verbrachte ich 14 Stunden am Tag draußen und ritt täglich etliche Pferde und von einer Sekunde auf die andere war ich nur noch im Krankenhaus.“

Nach ihrer Entlassung Ende 2006 führte Corinne die Hippotherapie fort und holte dafür 2007 ihr eigenes Islandpferd wieder nach Hause. Ihr Wallach ist Ekzemer, weshalb sie ihn vor ihrem Islandaufenthalt nach Amrum gebracht hatte.

„Anfangs hatte ich ganz viel Unterstützung von einer Freundin, die ich auch brauchte. Sie half mir aufs Pferd zu kommen und führte mein Pferd, dabei konnte ich zu Beginn kaum aufrecht sitzen und hatte starke Kreislaufprobleme. Ich ritt sehr viel Schritt und machte nebenher meine Übungen im Fitnessstudio und bei der Physiotherapie. Nach und nach wurde es immer besser und ein besonderer Vorteil war natürlich der erschütterungsfreie Tölt! Vor fünf Jahren habe ich mich getraut das erste Mal wieder zu galoppieren. Daraufhin habe ich mich dann entschieden das bronzene Reitabzeichen zu probieren.“

Foto: privat

Auf dem Weg zurück in den Islandpferdereitsport bis zum Trainer C hast du dich durch die Abzeichenprüfungen des IPZV gekämpft. Wie war das für dich?

„Ich habe mich für das bronzene Reitabzeichen bei einem API-Kurs bei Lisa Grau im Sauerland angemeldet, Lisa ist Reitlehrerin im Behinderten Reitersport und gelernte Physiotherapeutin, das erschien mir sehr passend. Dennoch war die Prüfung für Prüfer, Lehrgangsleiter und mich eine echte Herausforderung, da es vorher keinen Prüfling mit (vergleichbaren) Handicap gegeben hat, ich also der erste Fall war. Lehrgansleiterin und Prüferin entschieden dann, dass ich das Reiten im leichten Sitz theoretisch, in Form einer Unterrichtseinweisung mit einem Reitschüler abhielt. Heute ist gewünscht, dass alle praktischen Prüfungsfächer auch mit einer praktischen Ersatzprüfung absolviert werden, was ich auch absolut gerecht finde.

Dennoch war es zu Beginn für mich sehr frustrierend eine der Ersten zu sein, die für die Möglichkeit einsetzt als Reiterin mit Handicap Abzeichen beim IPZV abzulegen. Vor dem silbernen Abzeichen hatte ich schon fast aufgegeben als mich dann doch wieder der Ehrgeiz packte und ich mich prompt zum silbernen Abzeichen bei Stephan Schumacher anmeldete. Hier wurde lediglich die Prüfung „Reiten im leichten Sitz“ ausgetauscht und als alternative Prüfungsform der Entlastungssitz gewählt, ansonsten wurden alle Prüfungsinhalte normal geprüft. Longierabzeichen I und II konnte ich dann bei Kerstin Keus und Lisa Grau weitgehend ohne Besonderheiten machen.

Anschließend war mein Ziel den Trainer C Kurs zu machen, weshalb ich vor zwei Wochen bei der Trainereinführung von Dieter Becker im Saarland teilgenommen habe. Nach einem kurzen Telefonat mit Dieter hat er mir eine Zusage gemacht und ich konnte für 8 Unterrichtseinheiten und den darauffolgenden Trainereinführungskurs zu ihm auf den Grenzlandhof fahren. Also lud ich mein Pferd auf den Anhänger und fuhr los nach Mandelbachtal. Nachdem er sich ein Bild von mir und meinem Pferd gemacht hatte, bekam ich grünes Licht für die Teilnahme am Trainer C Kurs!“

Voller Freude darüber sagt Corinne, dass sie natürlich sehr gespannt ist und hofft im August alles so gut wie möglich umzusetzen. Dieter kann nun mit dem Bild, das er sich von Corinne gemacht hat, ein Konzept nach den Vorgaben der API für eine auf Corinnes Handicap angepasste Trainer C Prüfung ausarbeiten und dieses durch die Ausbildungsleitung genehmigen lassen. Dann kann sie genau diese Prüfungsinhalte während des Trainerkurses üben und am Ende hoffentlich auch erfolgreich die Prüfung meistern.

Wie hast du es geschafft nach deinem Unfall weiter zu machen und wie sieht dein Alltag mit den Pferden heute aus?

„Ich weiß nicht wie ich ein Jahr Krankenhaus überlebt habe und frage mich oft, was mich da immer so vorwärtstreibt. Aber es ist mir wichtig, dass jeder versteht: Ich bin ein Mensch wie jeder andere. Auch wenn ich nachvollziehen kann, dass viele Menschen Berührungsängste haben mit Menschen mit Handicap.

Hätte ich mein Pferd nicht gehabt oder den Willen zurück auf Pferd zu kommen, sähe mein Alltag vermutlich heute anders aus. Mein Islandpferd ist für mich also immer ein großer Ansporn gewesen! Außerdem ist die Fortbewegung auf dem Pferderücken im Gelände die einzige Möglichkeit mich in der Natur frei zu bewegen – und das ohne Akku- oder Kurbelgeräusch meines Rollstuhls.

Meistens bin ich fünf- bis sechsmal in der Woche beim Pferd. Wenn ich am Stall bin und es ist keiner da, der mir beim Aufsteigen hilft, mache ich viel Bodenarbeit, gehe mit meinem Pferd und meinen drei Hunden spazieren oder mache ein kleines Trabtraining mit dem Segway, der fährt 25km/h.“

Foto: privat

Welche Rolle spielt die Inklusion für dich im Islandpferdesport? Welche Chancen bringt sie mit sich?

„Inklusion sollte zur Selbstverständlichkeit für Jedermann werden, daher ist die Aufklärung in der Inklusion für jeden einzelnen Reiter und Trainer so wichtig.

Insgesamt wäre die vermehrte Ausbildung von Reitern mit Handicap und die Vermittlung eines Zugehörigkeitsgefühls nicht nur eine bessere Inklusion im Islandpferdesport, sondern beinhaltet eine Menge Chancen mehr Vielfalt und Wissen in Trainerbestand des IPZV zu integrieren. Trainer mit eigenem Handicap wären nicht nur gute Reitlehrer für Reiter ohne Einschränkungen, sondern können zusätzlich eine Motivation darstellen und sind besonders kreativ in der Lösungsfindung von Wegen oder Hilfsmitteln für Reiter mit Handicap.“

Welche Hürden müsste der Verband dazu deiner Meinung nach noch überwinden?

„Im Blatt „Menschen mit Handicap und API“ setzt der IPZV voraus, dass sich die Reiter mit Handicap 3 Monate im Voraus am jeweiligen Kurs anmelden und sich vorab mit 8 Unterrichtseinheiten beim Lehrgangsleiter vorstellen. Das ist sehr umständlich und kostenintensiv für jemanden mit Handicap, dennoch ist es essenziell für den Lehrgangsleiter sich vorher mit den Fähigkeiten des Teilnehmers bekanntzumachen. Eine Idee, die mir durch die zahlreichen Cyber-Wettbewerbe gekommen ist, ist diesen Teil in Form eines oder mehrerer Videos zu machen und so die Möglichkeit der Teilnahme an einem API-Lehrgang festzustellen.

Wichtig wäre ein noch detaillierteres Konzept für die Prüfungsinhalte der jeweiligen Abzeichen für Reiter mit Behinderungen. Einige Kursleiter sind damit überfordert eigene angepasste und trotzdem vergleichbare Teilprüfungen zu erstellen. Dafür wäre ein Konzeptkatalog mit Alternativen der einzelnen Prüfungsfächer wünschenswert, aus dem dann jeder Kursleiter oder Prüfer schöpfen kann. Denn man kann nicht jedes Handicap über einen Kamm scheren: Selbst die gleiche Verletzung kann ganz unterschiedliche Einschränkungen nach sich ziehen.

Außerdem wäre es interessant, wenn der Verband feststellen könnte wie hoch die Anzahl der Mitglieder mit Handicap im Verband ist und wie hoch das Interesse ist an Kursen und Turnierprüfungen teilzunehmen (nicht nur) aber auch für Menschen mit Handicap.“

Hast du die Geschehnisse um Edda Rún Ragnarsdóttir in den letzten Wochen verfolgt? Wie stehst du dazu?

„In jedem Fall ist es schrecklich was Edda Rún zugestoßen ist. Schade finde ich es, dass erst jemand Bekanntes einen schweren Reitunfall erleiden muss, damit das Thema auf den Tisch kommt. Dennoch ist das Thema berichtenswert und teilt jedem den es erreicht eine wichtige Botschaft mit, nämlich: Ihr seid genauso wie du und ich, so ein Unfall kann jedem innerhalb von zwei Sekunden passieren und dabei ist es egal, ob du ein guter oder schlechter Reiter bist - es kann jeden treffen.

Ich bin sicher, jede Berichterstattung über solche Unfälle und wie danach mit einem Schicksalsschlag umgegangen wird, kann für den Betroffenen ein großer Ansporn sein weiter zu kämpfen und ebenfalls zu erreichen, was andere Reiter mit Handicap erreicht haben.“

Corinne hat in jedem Fall noch genügend Ziele, die sie erreichen möchte. Nach dem Trainer C visiert sie den Sportrichter C an, dafür müsste sie noch das goldene Reitabzeichen ablegen. Sicherlich kein Problem für die Kämpferin Corinne! Lediglich die Prüfung im Rennpass stellt das einzige Problem für sie da, denn ihr 25jähriger Wallach ist ein reiner Viergänger – sie benötigt also ein Leihpferd.

Wir sind gespannt was Corinne uns nach dem Trainer C Kurs berichten wird und wünschen ihr dabei viel Erfolg! Dieses Interview ist Teil einer 3-teiligen Berichtsreihe und wird in den kommenden zwei DIP Ausgaben um ein Interview mit Dieter Becker zur Trainereinführung mit Corinne sowie der Ausbildungsleitung Antje Stratmann zum Thema Inklusion und API und einem anschließenden Erlebnisbericht nach dem Trainer C Kurs ergänzt.

Foto: privat

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